Wer führt, muss hören können – Das 4-Ohren-Modell in der Praxis

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Summary

Kommunikation scheitert selten daran, dass das Falsche gesagt wird, sondern dass das Falsche „gehört“ wird. Das 4-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun ist weit mehr als Theorie – es ist ein Diagnoseinstrument für Führungswirksamkeit. Um Ihre eigene Hör-Präferenz in Alltagssituationen zu analysieren, habe ich einen interaktiven KI-Coach entwickelt. Testen Sie Ihre Kommunikation direkt hier: 👉 https://marc-widmann.de/thun


Das ewige Missverständnis in der Führung

Wir kennen es aus jedem Projektmeeting und jedem Mitarbeitergespräch: Ein Satz wird ausgesprochen, sachlich korrekt und präzise gemeint. Doch beim Gegenüber kommt etwas völlig anderes an. Eine Feststellung zum Zeitplan wird als Vorwurf interpretiert. Ein Verbesserungsvorschlag wird als Kritik an der Person gewertet. Oder ein stiller Wunsch nach Unterstützung wird schlicht überhört, weil der Empfänger nur auf harte Fakten fixiert ist.

In meiner Arbeit mit Führungskräften und in Transformationsprojekten zeigt sich immer wieder: Der Engpass ist nicht die Strategie, sondern die „Übersetzungsleistung“ zwischen Sender und Empfänger.

Der wissenschaftliche Hintergrund: Die Anatomie einer Nachricht

Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun hat mit dem „Kommunikationsquadrat“ (besser bekannt als 4-Ohren-Modell) einen Standard geschaffen, der systemische und humanistische Ansätze verbindet. Die zentrale These ist so simpel wie radikal: Jede Nachricht ist vierdimensional. Egal, was wir sagen, wir senden immer auf vier Kanälen gleichzeitig – und der Empfänger entscheidet, welchen davon er „aufdreht“.

  1. Der Sachinhalt: Worüber informiere ich? (Daten, Fakten, Sachverhalte).

  2. Die Selbstkundgabe: Was gebe ich von mir selbst preis? (Werte, Emotionen, Motive).

  3. Die Beziehung: Wie stehe ich zu dir? (Haltung, Respekt, Hierarchie).

  4. Der Appell: Wozu möchte ich dich veranlassen? (Wünsche, Handlungsaufforderungen).

Die wissenschaftliche Tragweite dieses Modells liegt in der Erkenntnis, dass wir meist ein „Lieblings-Ohr“ haben. Diese Präferenz ist oft biographisch geprägt oder durch die Unternehmenskultur konditioniert. Wer jahrelang im harten Projektcontrolling gearbeitet hat, hört oft nur noch das Sach-Ohr und überhört die leisen Warnsignale auf der Beziehungsebene. Wer hingegen stark harmoniebedürftig ist, hört oft Angriffe (Beziehungs-Ohr), wo gar keine sind.

Anwendungsfälle: Warum Führungskräfte ihre Ohren kennen müssen

Das Modell ist kein rein akademisches Konstrukt, sondern ein Werkzeug für den Führungsalltag.

Die Falle des „Appell-Ohrs“ bei Managern Führungskräfte sind darauf trainiert, Probleme zu lösen. Das führt oft zu einem hypertrophen Appell-Ohr. Ein Mitarbeiter möchte sich vielleicht nur emotional entlasten (Selbstkundgabe: „Ich bin gestresst“), doch die Führungskraft hört sofort einen Arbeitsauftrag und liefert ungefragt Lösungen. Das Ergebnis: Der Mitarbeiter fühlt sich nicht verstanden, sondern „abgefertigt“.

Konflikte in der Matrix In modernen Matrix-Organisationen fehlt oft die klare hierarchische Durchgriffsmacht. Führung geschieht hier über Beziehung und Einfluss. Wenn hier ein Sender rein sachlich argumentiert, der Empfänger aber sensibel auf der Beziehungsebene „hört“ (z.B. „Respektiert er meine Rolle?“), entstehen Widerstände, die sich logisch nicht erklären lassen. Das Modell hilft hier, die Ebene zu wechseln und Konflikte dort zu lösen, wo sie entstanden sind.

Stress als Verstärker Unter Druck fallen wir in alte Muster zurück. In Krisensituationen neigen wir dazu, einseitig zu hören. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion – „Mit welchem Ohr habe ich das gerade gehört?“ – ist ein wesentlicher Bestandteil emotionaler Intelligenz und moderner Resilienz.

Ihr persönliches Profil: Der interaktive Test

Es ist leicht, das Modell intellektuell zu verstehen. Viel schwieriger ist es, die eigenen, unbewussten Reaktionsmuster zu erkennen. Genau dafür habe ich ein neues Tool entwickelt.

Auf Basis klassischer Alltagssituationen habe ich einen Custom GPT trainiert, der als neutraler Moderator fungiert. Er simuliert 12 Szenarien – vom Warten beim Bäcker bis zur Diskussion im Meeting – und wertet Ihre spontanen Reaktionen aus.

Anders als statische Fragebögen führt Sie dieser KI-Assistent interaktiv durch den Prozess und erstellt am Ende ein Profil Ihrer „vier Ohren“. Sie erhalten keine pauschale Beurteilung, sondern eine Spiegelung Ihrer Tendenzen:

  • Wie stark ist Ihr Sach-Ohr ausgeprägt?

  • Überhören Sie systematisch Appelle?

  • Nehmen Sie Dinge zu schnell persönlich?

Diese Klarheit ist der erste Schritt, um Ihre Kommunikation bewusster zu steuern.

Probieren Sie es aus und nutzen Sie die Auswertung für Ihre nächste Reflexion:  https://marc-widmann.de/thun