Summary
Im Januar 2018 habe ich in diesem Blog gefragt, ob es den Projektleiter im Jahre 2030 noch geben wird. Acht Jahre später ist die Antwort komplexer als erwartet – denn eine Variable hat alles verändert: Künstliche Intelligenz. Nicht als Werkzeug. Sondern als Teammitglied. Ein rollierendes Update.
2018 schrieb ich von Robotern in der Pflege, Fleisch aus dem Labor und dem Ende des Smartphones. Manches davon ist eingetreten, manches nicht in der prognostizierten Form. Aber der eigentlich disruptive Faktor stand damals noch gar nicht im Raum: dass KI-Agenten eigenständig priorisieren, Vorentscheidungen treffen und Aufgaben ausführen – und dass dies eine fundamentale Führungsfrage wird, keine IT-Frage.
Was sich seit 2018 verändert hat
Im Originalbeitrag habe ich mit dem Maßstab der Wochen argumentiert, wie es Zukunftsforscher tun. 50 Wochen pro Jahr, damals 597 Wochen bis 2030. Heute, im April 2026, sind davon noch 184 übrig. Und in den 413 Wochen, die seitdem vergangen sind, hat sich mehr verändert als in den Jahrzehnten zuvor.
2018 gab es kein ChatGPT, keine KI-Agenten, kein Claude, kein Midjourney. Die agile Transformation galt als das große Thema. Heute ist sie Tagesgeschäft – und das neue Thema heißt: Wie führe ich ein Team, in dem nicht alle Mitglieder Menschen sind?
Der neue Maßstab: 500 Wochen bis 2036
Bis 2036 sind es noch rund 500 Wochen. Wieder derselbe Zeitraum wie damals von 2018 auf 2030. Und wieder die Frage: Was wird in 500 Wochen anders sein?
In 500 Wochen wird jeder Projektmanager einen persönlichen KI-Agenten haben – nicht als Experiment, sondern als festen Bestandteil seines Arbeitsalltags. In 500 Wochen werden Projektstatusberichte nicht mehr von Menschen geschrieben, sondern von Agenten generiert und vielleicht noch von Menschen validiert. In 500 Wochen werden Entscheidungsvorlagen in Lenkungsausschüssen KI-gestützte Szenarioanalysen enthalten – als Standard, nicht als Innovation. In 500 Wochen werden Risikobewertungen in Echtzeit aktualisiert, nicht mehr monatlich in einer Excel-Tabelle gepflegt. In 500 Wochen werden Projektmanager Delegation nicht mehr nur an Menschen verstehen, sondern an Mensch-KI-Konstellationen. In 500 Wochen wird die Frage „Wer hat das entschieden – du oder die KI?“ eine der meistgestellten Fragen in Retrospektiven sein. In 500 Wochen …
All diese Veränderungen werden nicht über Nacht kommen. Sie kommen in Wochen. Und einige davon sind bereits heute Realität.
Hybrid Intelligence Leadership: Ein neuer Führungsbegriff
2018 sprach ich davon, dass Leadership wichtiger wird als Leitung. Das stimmt immer noch. Aber es reicht nicht mehr. Denn die Führungsrealität hat sich fundamental erweitert.
Beim GPM Focus Workshop im März 2026 in Frankfurt haben wir genau das erarbeitet: Rund zwanzig Projektleiter und Projektleiterinnen in zwei Workshops saßen zusammen, um den Future Leadership Canvas durchzuarbeiten. Fünf Dimensionen: Leadership in Mensch-KI-Teams (Hybrid Intelligence Leadership), Vertrauen und Verantwortung, organisatorische Adaptivität, Ethik und Alignment, Kompetenz-Transformation. Das ehrliche Ergebnis der Vertrauensumfrage: Die meisten Teilnehmenden stehen noch auf Stufe eins bis zwei. Zuarbeit und Entwürfe durch KI – ja. Autonomes Handeln der KI – noch nicht.
Aber die Richtung ist eindeutig.
Ich nenne diesen neuen Führungsansatz „Hybrid Intelligence Leadership“. Dies bedeutet: Führung, die durch KI erweitert wird. Nicht ersetzt. Der Mensch bleibt Pilot. Die KI ist Co-Pilot. Aber wer definiert die Flugroute? Das ist die zentrale Führungsfrage der nächsten 500 Wochen.
KI als ethische Führungsfrage
Im Originalbeitrag ging es um Transformation versus Revolution. Heute geht es um Delegation versus Kontrolle.
Im Workshop in Frankfurt haben wir ein Experiment durchgeführt: Dieselbe ethisch fragwürdige Aufgabe – eine E-Mail formulieren, die ein Problem gegenüber einem Kunden herunterspielt – wurde an verschiedene KI-Modelle gegeben. Ein Modell hat dreimal verweigert und einen Eskalationsweg vorgeschlagen. Ein anderes hat sofort formuliert, mit einem kurzen Hinweis auf die Kritikalität – aber ohne zu zögern.
Gleiches Szenario. Völlig anderes Verhalten.
Das ist kein technisches Detail. Das ist ein Führungsthema. Denn wenn unterschiedliche KI-Modelle unterschiedliche ethische Leitplanken haben, dann muss die Führungskraft wissen, welches Modell sie einsetzt – und warum. Das ist eine neue Kompetenz, die kein PM Framework bisher abbildet.
Anforderungen an den Projektmanager in 2036
In meinem Beitrag von 2018 schrieb ich, dass der visionäre Projektmanager, der eine Idee allein treibt, so nicht mehr existieren wird. Das hat sich bestätigt. Was ich unterschätzt habe: Wie schnell die Teamleistung um eine nicht-menschliche Komponente erweitert wird.
Der Projektmanager im Jahr 2036 wird folgende Kompetenzen brauchen, die heute noch kaum in Curricula auftauchen:
1. KI-Delegation. Nicht Prompting im Sinne von „eine gute Frage stellen“. Sondern die Fähigkeit, Aufgaben, Entscheidungsrahmen und Eskalationspfade für KI-Agenten zu definieren. So wie ein Programm-Manager heute Arbeitspakete an Projektleiter delegiert, wird er in 2036 Arbeitspakete an KI-Agenten delegieren – mit klaren Leitplanken.
2. Ethische Urteilsfähigkeit gegenüber KI-Ergebnissen. Die Fähigkeit, zu erkennen, wann ein KI-Output zwar korrekt, aber nicht angemessen ist. Wann Effizienz auf Kosten von Integrität geht.
3. Vertrauenskalibrierung. Wie viel Vertrauen schenke ich welchem KI-Agenten in welchem Kontext? Das ist keine binäre Frage. Es ist ein Spektrum, das ständig neu bewertet werden muss.
4. Systemisches Denken über Mensch-KI-Grenzen hinweg. Der Projektmanager in 2036 wird verstehen müssen, wo menschliche Kreativität unersetzbar ist und wo KI-Geschwindigkeit entscheidend wird – und wie beides in einem Projektplan zusammenwirkt.
Der junge Projektmanager in 2036
2018 schrieb ich über das Handicap des jungen Projektmanagers: fehlende Gesellenjahre, weil operative Tätigkeiten nearshore oder offshore verlagert wurden. Dieses Problem hat sich verschärft – und gleichzeitig verschoben.
Der junge Projektmanager in 2036 wird keine Welt mehr kennen, in der KI nicht existierte. Das ist sein Vorteil und sein Risiko zugleich. Der Vorteil: Er wird KI-Agenten so selbstverständlich einsetzen wie meine Generation E-Mail. Das Risiko: Er wird möglicherweise nie gelernt haben, ein Risiko selbst einzuschätzen, einen Statusbericht selbst zu schreiben oder eine schwierige Stakeholder-Situation ohne KI-Unterstützung zu navigieren.
Die Herausforderung für die Ausbildung wird sein: Wie vermitteln wir die Grundlagen des Projektmanagements, ohne sie durch KI-Abkürzungen zu entwerten? Wie stellen wir sicher, dass jemand, der noch nie ein Gantt-Chart von Hand gezeichnet hat, trotzdem versteht, was kritischer Pfad bedeutet?
Unternehmensführung und Gremien in 2036
Im Originalbeitrag forderte ich, dass Portfolio-Boards und Lenkungsausschüsse ihrem definierten Anspruch gerecht werden müssen. Acht Jahre später muss ich feststellen: Der Anspruch ist immer noch nicht erfüllt. Es gibt immer noch Handlungsbedarf. Mehr denn je.
Aber es gibt auch eine neue Chance. Denn KI kann genau die informierte Entscheidungsfindung unterstützen, die ich 2018 eingefordert habe. Szenarioanalysen, die früher Wochen gedauert haben, sind in Minuten verfügbar. Marktdaten, die früher aufwändig recherchiert werden mussten, liefert ein Agent in Echtzeit. Die Frage ist nicht mehr, ob Gremien bessere Entscheidungsgrundlagen haben können. Die Frage ist, ob sie bereit sind, diese auch zu nutzen.
Transformation bleibt. Der Treiber wechselt.
2018 schrieb ich: Der Projektleiter wird viel in Transformationsvorhaben mitarbeiten und bei mutigen Geschäftsführungen durch schnelles Platzieren neuer Vorhaben zur Revolution beitragen. Das gilt weiterhin. Aber der Treiber der Transformation hat sich verändert. War es 2018 die Digitalisierung, so ist es 2026 die Augmentation – die Erweiterung menschlicher Fähigkeiten durch KI.
Und so wird es auch 2036 sein. Der Projektmanager wird nicht obsolet. Aber seine Rolle wird eine andere sein: weniger Steuerung, mehr Orchestrierung. Weniger Kontrolle, mehr Kalibrierung. Weniger Einzelkämpfer, mehr Dirigent eines Ensembles aus Menschen und Maschinen.
Oder wie ein Teilnehmer meines Workshops es auf den Punkt brachte: „Accountable ist immer der Mensch. Responsible kann Mensch oder KI sein – abhängig von Aufgabe und Komplexität.“
In 500 Wochen werden wir wissen, ob wir diesen Satz ernst genommen haben.
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