Summary
Am 20. Oktober hat Peter Kennedy von der Futures Strategy Group gefragt, ob wir heute extremere Szenarien brauchen. Wenige Tage vorher hat das Belfer Center der Harvard Kennedy School ein Pre-Mortem zu einem KI-Großschadensereignis veröffentlicht. Beide Methoden denken von einer Zukunft aus, die niemand planen möchte. Meine These ist, dass wir in Projekten und in der Strategiearbeit zu nah an der Gegenwart planen, und dass genau diese beiden Methoden dagegen helfen.
Warum gerade jetzt?
Kennedy beschreibt ein Gefühl, das viele kennen. Die Wirklichkeit scheint selbst die radikalsten Szenarien zu überholen. Covid-19, politische Spaltung, jetzt KI. Die naheliegende Reaktion ist, den Kopf einzuziehen, große Entscheidungen zu vertagen und abzuwarten, bis sich alles beruhigt.
Seine Antwort ist deutlich. Es beruhigt sich nicht. Vorhersagen nennt er in der strategischen Planung ein „losing endeavor“, also ein aussichtsloses Unterfangen. Klug planen könne man jenseits der nahen Zukunft nur, wenn man annimmt, dass die Zukunft grundlegend anders wird und das eigene Geschäftsmodell infrage stellt.
Fast zeitgleich hat das Belfer Center einen anderen Weg gewählt. Statt viele Zukünfte zu entwerfen, haben die Autoren eine einzige, sehr dramatische angenommen und rückwärts gefragt, wie es dazu kommen konnte.
Zwei Methoden, ein gemeinsamer Kern. Was steckt dahinter, und was können wir als Projekt- und Programmmanager daraus mitnehmen?
Was ist ein extremes Szenario?
Die Futures Strategy Group arbeitet nach eigener Darstellung seit einem Vierteljahrhundert mit „alternativen Zukünften“. Das sind keine Wahrscheinlichkeitsrechnungen und keine Einzelereignisse, sondern ausgearbeitete Geschichten über grundlegend andere Umfelder. Sie sollen relevant und verständlich sein, aber auch provozieren.
Drei Regeln aus dem Beitrag finde ich für unsere Arbeit besonders brauchbar.
- Der Szenario-Horizont liegt deutlich hinter dem Planungshorizont. Plant eine Organisation null bis fünf Jahre voraus, setzt FSG die Szenarien zehn Jahre oder weiter in die Zukunft.
- Szenarien müssen plausibel und in sich stimmig sein. Zur Kontrolle skizziert FSG Chronologien mit erfundenen Ereignissen, die vom Heute zum Szenario führen.
- Szenarien stellen nicht nur Annahmen über die Zukunft infrage, sondern auch die Tragfähigkeit des eigenen Geschäftsmodells.
Der längere Horizont befreit laut Kennedy von der „tyranny of the present“. Wer nicht an die Laufzeit der aktuellen Pläne gebunden ist, akzeptiert eher eine wirklich andere Welt.
Wie extrem das sein kann, zeigt ein Beispiel aus dem Beitrag. 2003 hat FSG für die US-Küstenwache ein Szenario geschrieben, in dem ein Coronavirus aus China weltweit zehn Millionen Menschen tötet. Bis Covid-19 sollten noch 16 Jahre vergehen. FSG betont selbst, dass Vorhersage nie das Ziel ist. Der Wert liegt woanders. Wer mehrere Zukünfte durchspielt, ist laut Kennedy auch auf Störungen besser vorbereitet, die in keinem Szenario vorkamen.
Und nun die eigentliche Frage des Beitrags. Müssen wir die Grenzen der Plausibilität heute bewusst weiter dehnen, um mit dem Tempo der Veränderung Schritt zu halten? Kennedy hält den möglichen Gewinn für groß. Breitere und widerstandsfähigere Strategien, mehr Agilität, eine Belegschaft, die nach vorne schaut.
Wild Cards und Stresstests?
Spannend ist die Diskussion unter dem Beitrag, an der sich auch Kennedy selbst beteiligt. Zwei Vorschläge daraus sind sehr praxisnah.
Rodolfo Sabonge schlägt vor, die Kernszenarien in einem vernünftigen Rahmen zu halten und sie dann mit eingespielten Extremschocks zu testen, ähnlich wie Zentralbanken ihre Stresstests fahren. Dazu klare Frühwarnindikatoren. Und ausdrücklich auch extreme Chancen, nicht nur Bedrohungen. Extrem könne auch Tempo bedeuten, wenn erwartete Veränderungen statt in fünfzehn Jahren in zwei oder drei eintreten.
Charles Thomas schreibt, dass sie das gelegentlich schon tun. Dasselbe Extremereignis wird als „Wild Card“ in alle Szenarien eingespielt. Ein mächtiges Werkzeug, schreibt er, aber nicht einfach richtig umzusetzen.
Was ich daraus mitnehme? Extrem heißt nicht Science-Fiction. Extrem heißt, dass es unsere liebsten Annahmen trifft.
Was ist ein Pre-Mortem?
Die Idee stammt von Gary Klein. 2007 hat er sie in der Harvard Business Review beschrieben. Das Team nimmt an, dass das geplante Projekt bereits gescheitert ist, und sammelt plausible Gründe dafür. Der Trick ist psychologisch. Wer Bedenken hat, darf sie aussprechen, ohne als Bremser dazustehen.
Das Belfer Center hat diese Methode jetzt auf ein sehr ernstes Thema angewendet. Das Papier vom 15. Oktober 2026 von Stephen Casper und Kollegen nimmt an, dass das erste große KI-gestützte Terrorereignis bereits passiert ist. „Groß“ ist vorab definiert. Mindestens 50 Tote oder Schwerverletzte oder mindestens eine Milliarde Dollar Schaden, angelehnt an Schwellenwerte aus US-Gesetzen zu Frontier-KI.
Von dort gehen die Autoren rückwärts durch den Lebenszyklus eines KI-Modells. Fünf Stellen, an denen etwas schiefgehen kann.
- Wie die gefährliche Fähigkeit entsteht.
- Wie das Modell bereitgestellt wird.
- Wie die Fähigkeit herausgekitzelt wird.
- Wie Schutzmaßnahmen versagen.
- Wie die Erkennung versagt.
An jeder Stelle fragen sie, welche Entscheidung das Ereignis ermöglicht hat und wo man es hätte unterbrechen können. Ihr Ergebnis in Kürze. Ob es so weit kommt, hängt wesentlich von Entscheidungen ab, die Entwickler, Plattformen und Regierungen heute treffen. Am Ende stehen neun überprüfbare Vorhersagen und zwei ausdrücklich hypothetische Szenarien.
Stephen Casper sagt im Gespräch mit der Harvard Gazette, sie hätten bewusst eines der dramatischeren Szenarien gewählt. Ziel sei, es zu verhindern oder, falls es doch eintritt, die Diskussion danach schneller und besser informiert zu führen.
Mich interessiert hier weniger das KI-Risiko selbst, so wichtig es ist. Mich interessiert die Methode. Die Schwelle ist vorher definiert. Der Weg zurück ist nach Phasen gegliedert. Und die Vorhersagen sind so formuliert, dass man sie später prüfen kann.
Was können wir in Projekten daraus lernen?
Meiner Meinung nach ziemlich viel. Wir planen Projekte typischerweise für ihre Laufzeit. Der Nutzen soll aber oft viele Jahre darüber hinaus wirken. Die ICB5 beschreibt mit ihrem Momentum Model genau diesen Weg von „Projekt geliefert“ zu „Wert geschaffen“. Darüber habe ich im Beitrag zur Zukunft der PM-Zertifizierung geschrieben.
Übertragen auf die Projekt- und Strategiearbeit sehe ich sieben Ansatzpunkte.
- Szenario-Horizont länger wählen als die Projektlaufzeit. Die Frage ist nicht, ob das Projekt pünktlich fertig wird, sondern ob sein Ergebnis in zehn Jahren noch trägt.
- Vor dem Kick-off oder vor einer großen Entscheidung im Lenkungsausschuss ein Pre-Mortem durchführen. Das Projekt ist gescheitert. Warum?
- Den Weg zurück wie das Belfer Center nach Phasen gliedern und für jede Phase fragen, wo man hätte eingreifen können.
- Vorher festlegen, was „Scheitern“ heißt. Ohne Schwelle diskutiert jeder über ein anderes Problem.
- Eine Wild Card in alle Planvarianten einspielen, statt ein eigenes Katastrophenszenario zu schreiben.
- Zu jedem Szenario Frühwarnindikatoren definieren und im Statusbericht beobachten.
- Auch das extrem gute Szenario durchspielen. Plötzlicher Erfolg kann ein Projekt genauso überfordern.
Ich selbst habe Pre-Mortems bisher nur indirekt eingesetzt. In einem aktuellen Softwareentwicklungsprojekt werde ich genau diesen Ansatz nutzen, und zwar für strategisch unterstützte KI-Diskussionen.
Wer die Kopfstandmethode kennt, wird hier einiges wiedererkennen. Beide drehen die Frage um, hin zum Scheitern. Der Unterschied liegt in Zeitform, Zweck und Ergebnis.
- Die Kopfstandmethode fragt „Wie bringen wir das Projekt zum Scheitern?“. Eine Kreativitätstechnik. Die gesammelten Negativideen werden wieder umgedreht und so zu Lösungsideen.
- Das Pre-Mortem sagt „Das Projekt ist gescheitert. Warum?“. Das Scheitern ist schon passiert und wird rückwärts erklärt. Eine Risikotechnik. Am Ende stehen Risiken, Warnsignale und Stellen, an denen man eingreifen kann.
Ein Bild aus dem Alltag. Die Kopfstandmethode fragt, wie wir ein Abendessen mit Gästen gründlich verderben könnten, und leitet daraus ab, worauf es ankommt. Das Pre-Mortem stellt sich vor, die Gäste sind schon enttäuscht gegangen, und fragt, woran es lag.
Ein Punkt ist mir dabei besonders wichtig. Beide Methoden leben davon, dass Widerspruch erlaubt ist. Kennedy schreibt in der Diskussion sinngemäß, extreme Szenarien schwächten auch den Einfluss derer, die schon alles gesehen haben. Und weiter: „There are no experts on the future.“ Das ist eine Führungsaufgabe, keine Methodenfrage.
Wo liegen die Grenzen?
Selbstredend sind auch diese Methoden kein Allheilmittel.
- Szenarien sind keine Prognosen. Wer das Coronavirus-Beispiel als Treffer verkauft, verfehlt den Zweck. FSG sagt das selbst.
- Extreme Szenarien können lähmen. Kennedy beschreibt Kunden, die sich von der Dauerdisruption ohnehin überfordert fühlen. Steht eine Organisation akut in Flammen, rät er nach eigener Aussage sogar von Szenarioarbeit ab.
- Extrem muss maßgeschneidert sein, betont Charles Thomas in der Diskussion. Ein Szenario, das niemanden im Raum betrifft, bleibt ein Gedankenspiel.
- Ein Pre-Mortem ist nur so gut wie die Bereitschaft, unangenehme Antworten zu hören. Ohne psychologische Sicherheit bleibt es eine Liste der üblichen Verdächtigen.
Was bedeutet das für die nächsten Jahre?
Ab hier ist es meine Einschätzung, keine gesicherte Entwicklung.
Wenn KI-Agenten zu Teammitgliedern werden, wie ich es im Beitrag Projektmanager im Jahre 2036 beschrieben habe, und immer mehr Planungsarbeit vorbereiten, verschiebt sich unser Beitrag. Weg vom Erstellen des Plans, hin zum Hinterfragen seiner Annahmen. Szenarien und Pre-Mortems sind genau dafür gemacht.
Das Belfer-Papier zeigt zudem, dass Risiken in Entscheidungsketten entstehen. Wer welche Entscheidung trifft und wo man sie unterbrechen kann, ist eine Governance-Frage. Die gehört in Lenkungsgremien, nicht nur in Risikolisten.
Und der Hinweis aus der FSG-Diskussion zum Tempo bleibt mir im Kopf. Vielleicht ist das Extreme an der Zukunft gar nicht das Ereignis selbst, sondern dass es früher kommt als gedacht.
Kennedy schließt mit Louis Pasteur. Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist.
Welches Szenario würden Sie Ihrem Lenkungsausschuss nie vorlegen? Und warum gerade dieses?
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Quellen
- Peter Kennedy: Do we need more extreme scenarios today? Futures Strategy Group, 20.10.2026 (inkl. Leserdiskussion vom 21.–23.10.2026) – https://www.futuresstrategygroup.com/extreme-scenarios/
- Max Kamachee, Jordi Weinstock, Antonia Juelich, Jonas Raedler, Elise Racine, Stephen Casper: A Pre-mortem on The First Major AI-Enabled Terrorism Event and The Choices That Could Enable It: Plus 9 Predictions. Belfer Center for Science and International Affairs, Harvard Kennedy School, 15.10.2026 – https://www.belfercenter.org/research-analysis/pre-mortem-first-major-ai-enabled-terrorism-event-and-choices-could-enable-it
- Christina Pazzanese: Is it already too late to reduce catastrophic AI risk? Harvard Gazette, 19.10.2026 – https://news.harvard.edu/gazette/story/2026/10/is-it-already-too-late-to-reduce-catastrophic-ai-risk/
- Gary Klein: Performing a Project Premortem. Harvard Business Review, September 2007 – https://hbr.org/2007/09/performing-a-project-premortem

