Fachgespräch in einer Projektmanagement-Zertifizierung: Kandidatin präsentiert vor zwei Assessoren.

KI und die Zukunft der PM-Zertifizierung – Was ICB5 ändert und was nicht

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Summary

Anfang Oktober hat die IPMA die ICB5 vorgestellt, die fünfte Generation ihres Kompetenzstandards für Projekt-, Programm- und Portfoliomanagement. Künstliche Intelligenz ist darin eines von fünf Querschnittsthemen. Gleichzeitig kann generative KI heute einen Zertifizierungsreport schreiben, der sich formal kaum von einem selbst geschriebenen unterscheidet. Meine These ist, dass KI die Nachweisform verändert, nicht den Kompetenzanspruch. Die Zertifizierung wird sich deshalb vom Dokument hin zum Gespräch verschieben müssen.

Wie kam es zu diesem Beitrag?

Vor wenigen Tagen habe ich auf LinkedIn gefragt: „Brauchen wir künftig noch Projektmanager, die Projektpläne erstellen können?“ Die Diskussion ging schnell über den Projektplan hinaus.

Reichen schriftliche Reports noch als Nachweis? Brauchen wir mehr Präsentation und Fachgespräch? Eine mündliche Prüfung schon auf Level D? Vielleicht sogar Prüfungskarten wie beim früheren ICB3-Verfahren? Und wie viel hängt an der Verbindlichkeit und Reife der Organisationen, in denen zertifizierte Projektmanager später arbeiten?

In einem Kommentar habe ich meine Position in einem Satz zusammengefasst: „KI verändert die Nachweisform, nicht den Kompetenzanspruch.“ Für diese Frage reicht ein Kommentar aber nicht. Deshalb hier etwas ausführlicher. Was steht offiziell fest und was leite ich daraus ab?

ICB5 ist da. In der Prüfung aber noch nicht.

Die ICB4 erschien 2015 und wird in Deutschland seit 2018 für die Zertifizierung genutzt. Ihre Nachfolgerin hat der IPMA Council of Delegates Ende August 2026 verabschiedet. Vorgestellt wurde sie im September auf dem IPMA-Weltkongress in Hiroshima, offiziell gestartet am 2. Oktober 2026 in Zadar. Seit dem 16. Oktober steht sie als digitale Ausgabe über my.ipma kostenlos zur Verfügung, in drei Bänden für Projekt-, Programm- und Portfoliomanagement.

Das „Eye of Competence“ mit den Bereichen Perspective, People und Practice bleibt. Neu sind unter anderem die Kompetenzelemente Sustainable Stewardship, Digital Enablement sowie Organizational Change and Transformation. Durch alle neuen IPMA-Standards ziehen sich fünf Themen. Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Agilität, KI und Resilienz.

Dazu kommt das „Momentum Model“, welches den Weg von Lieferobjekten über Ergebnisse und Nutzen bis zur langfristigen Wirkung beschreibt. Der Anspruch verschiebt sich also weg von „Projekt geliefert“ hin zu „Wert geschaffen“.

Was heißt das für alle, die gerade eine Zertifizierung planen? Die ICB beschreibt Kompetenzen, nicht das Prüfungsverfahren. Das regeln die internationalen Zertifizierungsregeln der IPMA (ICR) und die nationalen Zertifizierungsstellen, in Deutschland PM-ZERT, die Zertifizierungsstelle der GPM. Deren aktuelle Leitfäden beruhen noch auf der ICB 4.0. Wie schon in meinem LinkedIn-Beitrag beschrieben, kann es mehrere Monate bis zu einem Jahr dauern, bis die ICB5 in einer Prüfungsrichtlinie umgesetzt ist.

Diese Übergangszeit sehe ich als Chance. Bei der Umsetzung sollten nicht nur die Inhalte neu gedacht werden, sondern auch die Nachweisformen.

Wie wird Kompetenz heute nachgewiesen?

Wer über KI in der Zertifizierung diskutiert, sollte wissen, wie das Verfahren heute aussieht. Bei PM-ZERT gilt nach den aktuellen Leitfäden folgendes.

LevelAnspruch laut LeitfadenNachweisformen
DReine Wissensprüfung: eigenes Projektmanagement-Wissen in allen relevanten Kompetenzen, keine Projekterfahrung erforderlichPfad 1: Report, der das Wissen auf ein reales oder fiktives Projekt anwendet (max. 25 Seiten + 15 Seiten Anhang), schriftliche Prüfung (90 Min.), Feedbackgespräch zum Report (max. 20 Min.) · Pfad 2: zwei schriftliche Prüfungen (je 90 Min.)
CAndere in Projekten mittlerer Komplexität führenReport zu 20 Kompetenzelementen, schriftliche Prüfung (120 Min.), Assessment Center als Rollenspiel/Fallstudie (je nach Verfahrensvariante), Interview (60 Min.) mit 15-minütiger Präsentation
BAndere in komplexen Projekten, Programmen oder Portfolios führenReport, schriftliche Prüfung (180 Min.), Assessment Center, Interview (90 Min.)
AFührung in sehr komplexen Vorhaben auf strategischer EbeneKonformitätsprüfung (Gespräch, ca. 60 Min.), Report (max. 25 Seiten + 15 Seiten Anhang), Workshop mit Assessment Center (Rollenspiel), Interview (90 Min.) mit 15-minütiger Präsentation

Für die KI-Frage sind zwei Details entscheidend.

  • Am Ende des Reports erklärt der Zertifikant, ihn „eigenständig und inhaltlich ohne Mitwirkung Dritter, insbesondere auch nicht mittels einer KI-Software“ angefertigt zu haben.
  • Im selben Text steht, dass sich der bewertende Assessor persönlich davon überzeugen muss, dass der Zertifikant die Arbeit selbst verfasst hat.

Das Verfahren setzt also schon heute auf das Gespräch als Gegenprobe zum Dokument. Was gut ist.

Ab Level C funktioniert das. Assessment Center, Präsentation und Interview prüfen, ob jemand sein Projekt wirklich durchdrungen hat.

Level D ist anders angelegt. Es ist eine reine Wissensprüfung, Projekterfahrung muss nicht nachgewiesen werden. Und genau hier fehlt die Gegenprobe fast vollständig. Im Pfad 1 bleiben maximal 20 Minuten Feedbackgespräch, im Pfad 2 gibt es gar keine mündliche Komponente. Ob jemand das Wissen selbst beherrscht, zeigt sich damit fast nur in der Klausur.

Reicht ein Verbot?

Die KI-Klausel ist richtig und notwendig. Aber sie lässt sich kaum durchsetzen, wenn man sich allein auf das Dokument verlässt. Zwei Studien zeigen das deutlich.

An der University of Reading wurden 2024 vollständig mit GPT-4 geschriebene Prüfungsleistungen unbemerkt in reguläre Online-Prüfungen eines Psychologie-Studiengangs eingeschleust. 94 Prozent blieben unentdeckt. Die KI-Arbeiten erhielten im Schnitt sogar bessere Noten als die der echten Studierenden.

Eine internationale Forschungsgruppe um Debora Weber-Wulff hat 2023 vierzehn Werkzeuge zur Erkennung von KI-Texten getestet, darunter Turnitin. Ihr Fazit ist eindeutig. Die Werkzeuge sind weder genau noch zuverlässig, keines erreichte 80 Prozent Treffsicherheit. Schon leichtes Umformulieren verschlechtert die Erkennung erheblich.

Beides stammt aus der Hochschullehre, nicht aus der PM-Zertifizierung. Lässt sich das übertragen? Meiner Meinung nach ja. Ein Report, der Projektmanagement-Wissen strukturiert auf eine Projektsituation anwendet, ist genau die Textsorte, die Sprachmodelle gut beherrschen. Das gilt für den Wissensnachweis auf Level D ebenso wie für die STAR-Beschreibungen ab Level C. Und je besser die Modelle werden, desto weniger helfen Detektoren.

Was wollen wir eigentlich nachweisen?

Sicherlich nicht, dass jemand einen guten Text über ein Projekt schreiben kann. Auf Level D wollen wir sehen, dass jemand das Projektmanagement-Wissen selbst beherrscht. Ab Level C, dass jemand ein Projekt verantwortlich führen kann. Also Zusammenhänge verstehen, Entscheidungen begründen, mit Widerständen umgehen und aus Fehlern lernen. Genau das beschreiben die Kompetenzelemente und Key Competence Indicators der ICB.

Daran ändert KI nichts. Im Gegenteil. Wenn Projektpläne, Risikolisten und Statusberichte zunehmend von KI-Agenten vorbereitet werden, wird das Urteilsvermögen dahinter wichtiger, nicht unwichtiger. In meinem Beitrag zum Projektmanager im Jahre 2036 habe ich gefragt, wie wir die Grundlagen des Projektmanagements vermitteln, ohne sie durch KI-Abkürzungen zu entwerten. Für die Zertifizierung gilt dieselbe Frage.

Die Hochschulen sind hier einen Schritt weiter. Die University of Sydney arbeitet seit 2025 mit einem „Two-Lane“-Modell. Gesicherte, beaufsichtigte Prüfungen belegen, was jemand ohne Hilfsmittel kann. Offene Formate erlauben ausdrücklich den Einsatz von KI, verlangen aber, ihn offenzulegen.

Übertragen auf die PM-Zertifizierung ist meine Position klar.

  1. Der Report wird zur Gesprächsgrundlage. Er bleibt wichtig, aber als Vorbereitung für das Fachgespräch und nicht als eigenständiger Beweis. Ob KI beim Formulieren geholfen hat, verliert an Gewicht, wenn das Gespräch zeigt, ob jemand versteht, was er geschrieben hat.
  2. Eine mündliche Prüfung schon ab Level D. Dort geht es nicht um Projektpraxis. Es geht darum, dass das Wissen nachweislich selbst beherrscht wird und nicht nur KI-gestützt. Ein kurzes, strukturiertes Fachgespräch, etwa anhand zufällig gezogener Fragen zu Methoden und Zusammenhängen, ist ein überschaubarer Aufwand mit großer Wirkung.
  3. KI-Nutzung offenlegen statt nur verbieten. Wer mit KI arbeitet, beschreibt, wofür und wie er die Ergebnisse geprüft hat. Das ist selbst ein Kompetenznachweis und passt zum neuen Kompetenzelement Digital Enablement.
  4. Live-Situationen stärken. Assessment Center und Rollenspiele zeigen Verhalten unter realen Bedingungen. Dort lässt sich KI nicht unbemerkt einsetzen, auch heute nicht. Eigene vorbereitete Unterlagen oder Laptops sind im Rollenspiel ausdrücklich ausgeschlossen.

Für diese vier Punkte setze ich mich ein. Angekündigte Änderungen der Prüfungsordnung sind sie nicht.

Verbindlichkeit beginnt in der Organisation

In der Diskussion kam ein weiterer Punkt auf, der meiner Meinung nach unterschätzt wird. Selbst die beste Prüfung nützt wenig, wenn die Organisation das Zertifikat nicht mit Verantwortung verbindet.

Ein Zertifikat belegt eine Kompetenz zu einem Zeitpunkt. Ob sie im Alltag wirkt, hängt davon ab, ob es klare Rollen, entscheidungsfähige Lenkungsgremien und eine gelebte Projektkultur gibt. Darüber habe ich bereits in den Beiträgen zu Lenkungsgremien und zu Transformation und Projektkultur geschrieben.

Auch die IPMA sieht diesen Zusammenhang. Gemeinsam mit der ICB5 hat sie die Organizational Competence Baseline (OCB2) neu aufgelegt, deren fünfstufige Klassifizierung Organisationen hilft, ihren Kompetenzstand einzuschätzen. Für mich gehören beide Perspektiven zusammen. Wenn KI das Erstellen von Projektdokumenten vereinfacht, müssen Organisationen umso klarer festlegen, wer für den Inhalt einsteht. Ein Teilnehmer des GPM Focus Workshops im März hat es so formuliert: „Accountable ist immer der Mensch.“

Was bedeutet das für die nächsten Jahre?

Hier wird es spekulativ. Das sind Szenarien, keine Fakten.

  • Zertifikanten werden heute noch nach ICB4 geprüft. Wer die ICB5 schon jetzt liest, versteht aber, wohin sich der Anspruch bewegt. Hin zu Wirkung, Nachhaltigkeit und dem verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Werkzeugen.
  • Für Zertifizierungsstellen und Assessoren ist die Umstellung auf die ICB5 der natürliche Zeitpunkt, die Nachweisformen zu überprüfen. Je mehr Gewicht auf Gespräch und Live-Situation liegt, desto stärker zählen Qualifizierung und Kalibrierung der Assessoren.
  • Unternehmen bleibt die Frage, wie Projektverantwortung in der eigenen Organisation verankert ist. Die beantwortet kein Zertifikat. Mit KI wird sie drängender.

Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Zertifizierung, die Kompetenz im Gespräch prüft, durch KI nicht entwertet wird. Sie wird glaubwürdiger. Eine Zertifizierung, die sich vor allem auf Dokumente stützt, wird es dagegen schwer haben.

Bleibt eine Frage, über die wir als Community offen sprechen sollten. Welcher Nachweis wird in zehn Jahren noch belegen, dass jemand ein Projekt wirklich führen kann? Und wie viel davon muss ohne KI erbracht werden?

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Quellen

Veröffentlicht von

Marc Widmann

Mein Name ist Marc Widmann, Ehemann, Vater von zwei Söhnen, begeisterter Hobbyfotograf und wohne in Hattersheim bei Frankfurt. Im Berufsalltag gestalte ich die Zukunft indem ich Projekte und Programme im Informationstechnologie-Umfeld führe. Coache Projektmanager und auditiere Projekte. Ich habe langjährige Erfahrung im Consulting und IT-Outsourcing mit Projekt-Portfolio-Management-Aufgaben. Besonders Spaß macht es mir mit internationalen Teams bei TATA Consultancy Services zu arbeiten. Ehrenamtlich engagiere ich mich bei der Gesellschaft für Projektmanagement (GPM-IPMA) als Assessor in der Personenzertifizierung im Projektmanagement. Ich selbst bin auch zertifiziert als IPMA Level A Certified Project Director (GPM) und IPMA Level B Certified Senior Project Manager (GPM) und Organizational Change Manager. Mehr über mich.

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